Rote Haare, Sommersprossen, sind des Teufels Artgenossen


„Der Sohn des Satans“ raunten die Leute, wenn ich ihnen mit meinen lodernd roten Haaren, röter als des Teufels allerrötestes Fegefeuer, in der Stadt über den Weg lief. Viele Menschen bekreuzigten sich bei meinem Anblick, flüchteten auf die andere Straßenseite oder hasteten aus dem Gottesdienst.

 

Manche warfen mir Geld vor die Füße mit der flehentlichen Bitte, meinen teuflischen Blick von ihnen abzuwenden. Ich kultivierte dies, trainierte meinen Blick zu einem gleißenden Laserstrahl und nahm an manchen Tagen damit gutes Geld ein -mein erstes selbstverdientes Geld. Da war ich zehn.

 

In der Schule verwandelte jeder Hauch einer feindseligen Berührung meine 192-cm-Sanftmut in einen himmlischen Zorn, und jeden, der mich piesackte, in ein Häufchen rauchender Asche. Nach etwa zwei Dutzend zertrümmerten Schülern und Lehrern und der 13. Schule war Schluss. Mit vierzehn erhielt ich nationales Schulverbot. 

 

Da umarmte ich meine Boxerhündin Dükka, schaute ihr tief in die bernsteinfarbenen, anhänglichen Augen und sagte: „Dükka, wir machen ’ne Mücke, o.k.?“ Dükka hatte die Angewohnheit, mich wie ein Steinbock zu rammen, wenn sie mit mir einverstanden war. So senkte sie jetzt ihren quadratischen  Schädel, nahm einen kurzen Anlauf und katapultierte sich in meinen Bauch. Ich mußte dann immer laut lachen, weil es mich glücklich machte, einen so gestandenen, treuen Freund zu haben.

 

Wir türmten nach Frankreich  -und landeten auf einem anderen Stern: liebevolle Neckerei statt täglicher Keilerei.  Spitzname Huckleberry. Eingebettet in eine wohlwollende Neugier und befreit von Elternhaus und Schule, wurden plötzlich Kräfte in mir frei, die ich bis dahin nicht kannte und die mir ein Leben voller leichtfüßiger Opulenz bescherten. Ich beschloß, frei zu bleiben und reich zu werden. Frei für die Wucht unerwarteter Wonnen, frei für die weibliche Anmut, für die Inspiration und Schönheit des Augenblicks und frei für den Stolz und die Eigenwilligkeit  -und sie wohlgemut und wehrhaft zu verteidigen gegen solch irdische Fegefeuer wie Ehe, Vorgesetzte, Banken, Mainstream, etcetera etceterum.

„Mein Junge, das schaffste nur als Börsianer“, sprach Viktor Fingör väterlich zu mir. „Nur als Börsianer schwebst Du frei und souverän über den Niederungen des geschäftlichen Alltages. Nur als Börsianer bist Du ein freier Mann und Weltbürger. Niemandem mußt Du etwas verkaufen wollen und niemandem Dich andienen. Meide die räudigen Rudel beflissener Berater. Nur als Privatier küßt Dich die Weite der Welt, die Vielfalt ihrer Chancen und die Leichtfüßigkeit des Lebens. Nur in der Freiheit entfalten sich alle Fähigkeiten Deines Geistes.“ Er nahm mich unter seine Börsenfittiche, und zehn Jahre später, mit 24, lächelte mir von meinem  Kontoauszug die erste Million entgegen. 

Da küßte ich meine schöne Hündin Dükka und Viktor Finngör und seine Tochter Akira und den Bankauszug und schwor beim rothaarigen Donnergott Thor und Audrey Hepburn und Faye Dunneway, daß ich eines Tages die größte Rothaarigen- Party der Welt, ein Fest, ein Feuerwerk, veranstalten und dort 1 Million Dollar verschenken werde, eine Hommage an die schönste Haarfarbe der Welt.

 

 

 Es folgte: eine Huckleberryade von einundzwanzigtausend bunten Lebenstagen. Jahre voller finanzieller Akrobatik, hingebungsvoller Verstrickungen, törichter und kluger Entscheidungen, schelmischer Manöver und teuflischer Einfälle. Die Welt war mir wohlgesonnen und ich umarmte das Leben in seiner berauschenden und närrischen Vielfalt. Das Geld perlte mir so leicht entgegen wie windgewordener Champagner.

 

 

Viktor Fingör war ein Bär von Bankier in Helsinki und Paris, rothaarig wie ich, Vater meiner damaligen Freundin und mir höchst wohlgesonnen. Er begrüßte mich immer mit den Worten: „Na, Du Feuerkopf“, und griff mir dabei mit fester Tatze in meinen Feuerschopf. Er war der einzige Mann der Welt, der eine brennende Zigarre so ausspucken konnte, daß sie in weitem Bogen wie ein Bumerang zu ihm zurückkam und mit dem richtigen Ende wieder in seinem Bärengebiß landete.

Dann lachte er so herzhaft, donnernd und dröhnend wie eine ganze Bärenjahreshauptversammlungkonferenz. 

 

 Und plötzlich: Tatendrang und Neugier auf Selbstgebautes, Unternehmerisches:  Gründung von „Sir Huckleberry Insurance Company“, der verrücktesten und einzig liebenswerten Versicherungsgesellschaft der Welt, einer heiteren Persiflage auf das graue Versicherungswesen. Kult, weltweit (siehe Button ‚Medien‘). Firmensitz: ein 60-Fuß-Flachbodenschiff namens „Sir Huckleberry“ in Holland. 

 

Nach 25 Jahren, mitten in den Vorbereitungen zu Huckleberrys Börsengang:  Finanzkrise und Anwaltsgesindel verschlingen alle drei Huckleberrys mit Mann und Maus. Da, wo das große Geld winkt, kreisen die Geier. 10 Millionen futsch. Ruin. Verzeih, Viktor Finngör, väterlicher, weiser Freund, der Du mich damals eindringlich warntest vor dem Gemetzel des Geschäftslebens.

 

Tohuwabohu, turbulente Jahre, Ruin und Rache, Macht der Omerta,    Der Deal, die Hure der Justiz (siehe button), Widerruf und Wiederaufnahme. Verfilmungsangebot. Neustart. Sehnsucht nach Mutter Börse. 

Ich vermisse meinen großen Bärenfreund. Ich recke meinen Kopf weit in den Wind in der Hoffnung, dass er mir seinen lachenden, augenzwinkernden, schelmischen, handfestklugen Rat zuträgt und mir kräftig meinen inzwischen weißen Schopf zerzaust. 

   Denn wer keinen allerallerbesten Lausebubenlümmelfreund hat, der ist ein armes Schwein im Leben.