Habe die Heilige Vorhaut Jesu Christi bei der UNESCO in New York zum Weltkulturerbe angemeldet

Amsterdam, den 20. März, 2016. Sonntagvormittag 11h

Moin,

bin mit meiner Hündin Whiskey im Bauch meiner heimeligen Hausboot-Stammkneipe gelandet. Draußen pfeift der Ostwind, hier drinnen bollert der Kanonenofen, und aus der Kombüse kommt der verführerische Geruch frisch gebackener Croissants. Außer einem weißhaarigen, iPad-lesenden Seebären am Nachbartisch und der schlampigschönen, verschlafenen Lisbeth mit ihrer wilden, langen Mähne und dem elfenbeinfarbenen Baumwollkleid -eher ein phantasievoll besticktes und mit Rüschen gefasstes Nachthemd- ist sonst niemand an Bord. Ich fühle mich hier geborgen wie im

Inneren eines gutmütigen, gastfreundlichen Walfisches.

Kaum habe ich mich in dem ächzenden Korbsessel niedergelassen, nimmt mich der Seebär auch schon in’s Visier. Seine großen, gemütlichen Seehundsaugen scannen mich rauf und runter und vermelden ihm offenbar Vertrautes.

Knut-Figur_3

„Sie hab‘ ich heut‘ doch schon mal gesehen“?!, sagt er..

„Nee, kann nich sein. Wir kommen grade erst aus den Federn“.

Doch er lässt nicht locker. Offensichtlich sucht er einen Gesprächspartner für etwas, was ihn da im Augenblick mächtig beschäftigt. Er klopft auf sein iPad und schüttelt den Kopf: „Hier erzählt ein total verrückter Kerl sein skurriles, rothaariges Lauselümmellotterliebesleben, und bei jedem Kapitel spüre ich wieder den Lausbuben in mir selber“.

Dann fasst er sich an die Stirn, verdreht die Augen, kippt seinen Genever in sich hinein und sagt: “Jetzt stellen Sie sich das mal vor: Da pfeift dieser Kerl auf die unsägliche christlich-jüdische Beschneidungs-Debatten und meldet die Vorhaut Jesu Christi einfach zum UNESCO-Weltkultur-Erbe an. Der Typ muss verrückt sein“. Sein Blick schweift durch den Walfischbauch. „Oder genial“, seufzt er versonnen.

Und dann poltert er lachend los: „Die Vorhaut eines Mannes als Weltkultur-Erbe! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: eine V o r h a u t!“ Abrupt hält der Seebär inne, krault seinen weißen 5-Tagebart, legt seine Stirn in Falten und denkt laut: „Aber hoppla, es ist ja nicht irgendeine Vorhaut, sondern die Vorhaut Jesu Christi! also das ‚Praeputium Sanctum Domini Nostri Jesus Christus‘, besser bekannt als die ‚Heilige Vorhaut Unseres Herrn Jesus Christus“.

Herausfordernd und schelmisch schaut er mich an.

„Doch warum, um Gottes Willen, ausgerechnet die Vorhaut? Weißt Du’s etwa nicht?“

Er wartet meine Antwort nicht ab, sondern landet mit dem Sprung eines Eisbären, der hungrig nach einer Robbe hechtet, an meinem Tisch: „Einfach, weil sie noch da ist, mien Jong. Diese Vorhaut ist wegen seiner Beschneidung das einzige Stück Fleisch, das einzige echte Stück Fleisch vom echten Jesus Christus, das nach seiner Himmelfahrt auf der Erde verblieben ist.“

…und dann, laut, Richtung Kombüse: „Lisbeth, noch einen Genever, einen doppelten“.

Der Seebär redet sich in Rage:

„Und deshalb handelt der Lümmel doch nur konsequent. Er greift auf, was von der Katholischen Kirche als Teil der Heilsgeschichte seit 2000 Jahren liturgisch begangen, aber inzwischen verdammt vernachlässigt wird: die feierliche Begehung des 1. Januar als „Tag zu Ehren der Heiligen Vorhaut unseres Herrn Jesus Christus‘, das ist der achte Tag nach seiner Geburt und damit der Tag seiner Beschneidung. Siehe Lukas-Evangelium 2:21″.

Er holt tief Luft und ruft nach dem nächsten Genever.

„Und damit ist sie zu Recht nicht nur eine Reliquie der katholischen Kirche und Gegenstand transzendenter Verehrung von über einer Milliarde Menschen, sondern tatsächlich auch Weltkulturerbe. Und diesen zentralen Gegenstand der Menschheitsgeschichte zum Weltkulturerbe anzumelden, ist doch so einleuchtend, dass man sich fragt, wieso vor diesem Bengel noch niemand drauf gekommen ist.

Er wirft einen Blick auf die blecherne Wanduhr: „Whoops, ist ja schon fast elfe. Muss los, hab‘ jetzt Gottesdienst. Bin Pfarrer. In zwei Stunden wieder hier.“

Mit offenem Mund schaue ich meinem Pfarrer hinterher, wie er in breitem Seemannsgang durch die Luke verschwindet.

Bis bald
Bleibt mir gewogen,
Der Eicke

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